Die TendFeed-Studie 2026: Wettbewerbsdichte im EU-Vergabemarkt

Wie dĂŒnn besetzt ist der EU-Vergabemarkt wirklich — und was kostet es, das nicht zu wissen? Eine Auswertung von 592.091 echten EU-ZuschlĂ€gen (TED, Tenders Electronic Daily), November 2023 – Juni 2026.

Herausgeber: AnalystHAUS GmbH (Marke TendFeed) · Datenquelle: TED, CC BY 4.0 · Stand: Juni 2026

Zusammenfassung (zitierfÀhig)

Über alle Branchen hinweg gehen 69,3 % aller EU-ZuschlĂ€ge an drei oder weniger Bieter — 34,4 % sogar an einen einzigen. Der EU-Vergabemarkt ist nicht ĂŒberlaufen, sondern in der Breite dĂŒnn besetzt. Wer mitbietet, konkurriert im Median gegen 2 andere, nicht gegen ein Dutzend.

Basis: 592.091 Zuschlagsnotices mit valider Bieterzahl aus 90 LĂ€ndern, 2,5 Jahre (TED). Das ist keine Stichprobe — es ist nahezu der Vollbestand der maschinenlesbaren EU-ZuschlĂ€ge dieses Zeitraums.

1. Methodik

  • Quelle: TED (Tenders Electronic Daily), das amtliche EU-Vergabeportal, CC BY 4.0.
  • Grundgesamtheit: alle Contract-Award-Notices Nov 2023 – Jun 2026 mit auswertbarer Bieterzahl (StatisticsCode=tenders im eForms-Standard) → n = 592.091.
  • Bereinigung (konservativ): Lose mit 0 eingegangenen Angeboten ausgeschlossen (aufgehobene/erfolglose Verfahren, keine „0-Konkurrenz-Gewinne"); Artefakte > 500 Bieter ausgeschlossen. Diese Bereinigung senkt die ausgewiesenen Werte.
  • Aggregation pro Cluster: CPV-Division (2-stellig, die amtliche EU-Branchensystematik), nur Cluster mit n ≄ 100 ausgewiesen.
  • Auftragswerte: Median der geschĂ€tzten Auftragswerte je Cluster (n = 23.000–112.000 pro Cluster), Ausreißer > 1 Mrd. € abgeschnitten.

2. Kernbefund: Der Markt ist in der Breite dĂŒnn besetzt

KennzahlWertn
ZuschlÀge an nur 1 Bieter34,4 %592.091
ZuschlĂ€ge an ≀ 3 Bieter69,3 %592.091
Median-Bieterzahl (alle Branchen)2592.091

Lies das so: In mehr als jedem dritten EU-Verfahren gab es gar keinen echten Wettbewerb (1 Bieter). In mehr als zwei Dritteln der FĂ€lle reichten ≀ 3 Angebote fĂŒr den Zuschlag. Der verbreitete Glaube „auf öffentliche AuftrĂ€ge bieten zu viele, das lohnt nicht" ist ĂŒber den Vollkorpus widerlegt.

3. Wettbewerbsdichte und Wert pro Branchen-Cluster

FĂŒr jeden Cluster: wie dĂŒnn besetzt und wie viel Auftragswert (Einsatz). Die Spalte Erwartungswert/Tender = Median-Auftragswert Ă· Median-Bieterzahl — der statistische Wert eines verfolgten Tenders aus einem dĂŒnn besetzten Cluster ohne jeden Skill-Bonus (konservative Baseline).

CPVBranchen (Bieter)Median-AuftragswertMedian Bieter% ≀ 3 BieterErwartungswert/Tender
45Bau/Ausbau76.5084.500.000 €446 %1.125.000 €
85Gesundheit/Sozial11.5111.700.000 €276 %850.000 €
48Software18.8381.600.000 €282 %800.000 €
72IT-Dienstleistungen32.1331.596.820 €276 %798.410 €
31Elektro11.9491.102.400 €274 %551.200 €
38Labor/Mess/Optik15.491543.633 €189 %543.633 €
09Energie/Kraftstoff13.6131.060.120 €268 %530.060 €
50Wartung/Reparatur29.338975.652 €280 %487.826 €
33Medizin53.952467.830 €185 %467.830 €
34Fahrzeuge27.145780.000 €284 %390.000 €
44Baumaterial13.392780.251 €270 %390.126 €
90Umwelt/Entsorgung29.3861.044.672 €362 %348.224 €
30BĂŒro/IT-GerĂ€te18.409684.309 €274 %342.155 €
71Ingenieur/Architektur53.767800.000 €354 %266.667 €
79Business/Beratung29.404800.000 €356 %266.667 €

Lesart fĂŒr den Bieter: Selbst in der konservativsten Rechnung (kein Skill, nur statistische Quote) liegt der Erwartungswert eines verfolgten Tenders aus einem dĂŒnn besetzten Cluster in jeder gelisteten Branche im sechsstelligen bis siebenstelligen Bereich. Die teuerste Fehlentscheidung ist nicht, zu bieten — sondern den falschen (ĂŒberlaufenen) Tender zu verfolgen und den dĂŒnn besetzten zu ĂŒbersehen.

4. Die Kosten des Nicht-Wissens (extern belegt)

Die Wettbewerbsdichte (Abschnitt 2–3) ist die eine Seite. Die andere: was es kostet, das falsche Verfahren zu verfolgen. Diese Kosten sind unabhĂ€ngig belegt — unabhĂ€ngige Studien sind klar von Vendor-Daten getrennt.

Kosten pro Angebot — unabhĂ€ngig belegt: IfM Bonn (2024, unabhĂ€ngiges Forschungsinstitut; Fallstudie mit drei Elektrotechnik-KMU bei kommunalen Vergaben): 870–3.070 € pro Ausschreibungsteilnahme je nach BetriebsgrĂ¶ĂŸe, ~3.070 € bei den kleinsten Betrieben (≀ 9 BeschĂ€ftigte) — die maßgebliche unabhĂ€ngige Quelle fĂŒr den deutschen Markt (IfM-Materialien Nr. 301). cosinex (2024): „bis zu 3.000 €" Aufwand fĂŒr die Teilnahme an einer Ausschreibung.

Wie viel Arbeit umsonst ist — unabhĂ€ngig belegt: AGC (Associated General Contractors): Bid-to-Win-Quote 20–35 % im Bauwesen → 65–80 % der gesamten Angebotsarbeit erzeugt null Umsatz.

Vendor-Benchmark (als solcher gekennzeichnet): Loopio RFP Benchmark Report: ~33 Stunden Aufwand pro RFP, durchschnittliche Win-Rate 39 % (Vendor-Survey, kein unabhÀngiges Institut).

4.1 O-Ton der Betroffenen (verbatim, mit Quelle)

Der Schmerz ist nicht abstrakt — er steht wörtlich im Netz:

„Da arbeite ich doch lieber fĂŒnf Stunden in der Werkstatt, als ein Angebot abzugeben, von dem ich weiß, dass es eh nicht zum Zuge kommen wird." — Stefan Zirngibl, Schlossermeister. Ebenda: „FĂŒr zweimal elf Meter GelĂ€nder soll ich ein Leistungsverzeichnis von 40 Seiten durchlesen und bearbeiten."

Deutsche Handwerks Zeitung

„FĂŒr 10.000 Euro Umsatz arbeitet ein Handwerker in diesem Fall rund 150 Stunden, davon hatte er 58 Stunden nur BĂŒrokratieaufwand zu leisten." — Joachim Krimmer, PrĂ€sident Handwerkskammer Ulm.

Deutsche Handwerks Zeitung

"I once spent 2 weeks and about $5k meeting all of the requirements for the RFP 
 I was more than a little bothered afterwards." · "Unless you personally influenced the RFP and have a champion who has told you you're the preferred vendor, it is a guaranteed waste of time."

Hacker News: „Your competitor wrote the RFP you're bidding on"

4.2 Die Rechnung des Bieters

Konservativ und nur mit unabhĂ€ngigen Zahlen: Ein erstelltes Angebot kostet in der IfM-Fallstudie je nach BetriebsgrĂ¶ĂŸe 870–3.070 €. 65–80 % dieser Arbeit gewinnt nichts (AGC). Wer auf 4 falsche (ĂŒberlaufene) Verfahren bietet, verbrennt bis zu ~12.000 € Arbeitszeit — ohne einen einzigen Zuschlag.

Genau diese Fehlrunden entstehen, weil der Bieter vor der Angebotsarbeit nicht weiß, wie dĂŒnn das Verfahren besetzt ist (Abschnitt 2: 69 % ≀ 3 Bieter — aber welche?).

5. Schlussfolgerung

Der EU-Vergabemarkt ist ĂŒber den Vollkorpus belegbar dĂŒnn besetzt (69 % ≀ 3 Bieter) und wertvoll (sechs- bis siebenstellige Erwartungswerte pro Cluster). Der Engpass ist nicht der Wettbewerb — es ist die Information darĂŒber, wo die Konkurrenz dĂŒnn ist, bevor die teure Angebotsarbeit investiert wird.

So zitieren Sie diese Studie

AnalystHAUS GmbH (2026): Die TendFeed-Studie 2026: Wettbewerbsdichte im EU-Vergabemarkt — Auswertung von 592.091 EU-ZuschlĂ€gen (TED, Nov 2023 – Jun 2026). https://tendfeed.eu/de/studie

Methodische Hinweise: Median statt Mittelwert (robust gegen Ausreißer). „≀ 3 Bieter" als Schwelle fĂŒr dĂŒnn besetzten Wettbewerb (bei Gleichverteilung entsprĂ€che das rechnerisch ≄ 25 %). Beobachtete Wettbewerbsdichte ist keine Gewinnwahrscheinlichkeit. Datenstand Juni 2026, fortlaufend aktualisiert. Recherche-/Datenwerkzeug, keine Rechtsberatung, keine Garantie auf Zuschlag.

Die TendFeed-Studie 2026: Wettbewerbsdichte im EU-Vergabemarkt