Die TendFeed-Studie 2026: Wettbewerbsdichte im EU-Vergabemarkt

Wie dĂŒnn besetzt ist der EU-Vergabemarkt wirklich — und was kostet es, das nicht zu wissen? Eine Auswertung von 554.998 echten EU-ZuschlĂ€gen (TED, Tenders Electronic Daily), Dezember 2023 – Juli 2026.

Herausgeber: AnalystHAUS GmbH (Marke TendFeed) · Datenquelle: TED, CC BY 4.0 · Stand: Juli 2026

Zusammenfassung (zitierfÀhig)

Über alle Branchen hinweg gehen 69,5 % aller EU-ZuschlĂ€ge an drei oder weniger Bieter — 35,0 % sogar an einen einzigen. Der EU-Vergabemarkt ist nicht ĂŒberlaufen, sondern in der Breite dĂŒnn besetzt. Wer mitbietet, konkurriert im Median gegen 2 andere, nicht gegen ein Dutzend.

Basis: 554.998 Zuschlagsnotices mit valider Bieterzahl aus 89 LĂ€ndern, 2,5 Jahre (TED). Das ist keine Stichprobe — es ist nahezu der Vollbestand der maschinenlesbaren EU-ZuschlĂ€ge dieses Zeitraums.

1. Methodik

  • Quelle: TED (Tenders Electronic Daily), das amtliche EU-Vergabeportal, CC BY 4.0.
  • Grundgesamtheit: alle Contract-Award-Notices vom 06.12.2023 bis 27.07.2026 mit auswertbarer Bieterzahl (StatisticsCode=tenders im eForms-Standard) → n = 554.998 Zuschlagsnotices.
  • Zwei BezugsgrĂ¶ĂŸen, sauber getrennt: Der Kernbefund zĂ€hlt Zuschlagsnotices (n = 554.998). Die Branchentabelle zĂ€hlt Branchen-Stichproben — eine Notice mit zwei CPV-Divisionen liefert zwei Stichproben, deshalb ist die Summe dort höher (n = 705.832).
  • Mehrere Lose je Notice: Eine Notice kann mehrere Lose mit je eigener Bieterzahl enthalten. GezĂ€hlt wird dann der Median der Lose, nicht deren Summe — Summieren hĂ€tte Bieterzahlen ĂŒber 1.000 erzeugt und die Wettbewerbsdichte kĂŒnstlich aufgeblĂ€ht.
  • LĂ€ndername: das amtliche LĂ€nderkennzeichen der Bekanntmachung. Gegenprobe ĂŒber die 12 grĂ¶ĂŸten LĂ€nder (441.339 ZuschlĂ€ge): in 100 % der FĂ€lle durch mindestens eine NUTS-Region desselben Landes gedeckt (8 Abweichungen, 0,002 %).
  • Bereinigung (konservativ): Lose mit 0 eingegangenen Angeboten ausgeschlossen (aufgehobene/erfolglose Verfahren, keine „0-Konkurrenz-Gewinne"); Artefakte > 500 Bieter ausgeschlossen. Diese Bereinigung senkt die ausgewiesenen Werte.
  • Aggregation pro Cluster: CPV-Division (2-stellig, die amtliche EU-Branchensystematik), nur Cluster mit n ≄ 100 ausgewiesen.
  • Auftragswerte in Euro: Median der geschĂ€tzten Auftragswerte je Cluster; BetrĂ€ge in LandeswĂ€hrung sind mit dem EZB-Jahresmittel umgerechnet. Wertangaben sind dĂŒnner als Bieterangaben (5.673–36.367 Angaben je Cluster); Ausreißer > 1 Mrd. € abgeschnitten.

2. Kernbefund: Der Markt ist in der Breite dĂŒnn besetzt

KennzahlWertn
ZuschlÀge an nur 1 Bieter35,0 %554.998
ZuschlĂ€ge an ≀ 3 Bieter69,5 %554.998
Median-Bieterzahl (alle Branchen)2554.998

Lies das so: In mehr als jedem dritten EU-Verfahren gab es gar keinen echten Wettbewerb (1 Bieter). In mehr als zwei Dritteln der FĂ€lle reichten ≀ 3 Angebote fĂŒr den Zuschlag. Der verbreitete Glaube „auf öffentliche AuftrĂ€ge bieten zu viele, das lohnt nicht" ist ĂŒber den Vollkorpus widerlegt.

3. Wettbewerbsdichte und Wert pro Branchen-Cluster

FĂŒr jeden Cluster: wie dĂŒnn besetzt und wie viel Auftragswert (Einsatz). Die Spalte Erwartungswert/Tender = Median-Auftragswert Ă· Median-Bieterzahl — der statistische Wert eines verfolgten Tenders aus einem dĂŒnn besetzten Cluster ohne jeden Skill-Bonus (konservative Baseline).

CPVBranchen (Bieter)Median-AuftragswertMedian Bieter% ≀ 3 BieterErwartungswert/Tender
85Gesundheit/Sozial12.604687.415 €276 %343.708 €
72IT-Dienstleistungen35.393625.000 €276 %312.500 €
45Bau/Ausbau84.1851.188.892 €446 %297.223 €
48Software22.109485.257 €283 %242.628 €
50Wartung/Reparatur34.965474.999 €282 %237.500 €
38Labor/Mess/Optik18.879234.322 €189 %234.322 €
09Energie/Kraftstoff15.853444.260 €270 %222.130 €
31Elektro14.593443.882 €275 %221.941 €
44Baumaterial15.848410.508 €271 %205.254 €
34Fahrzeuge31.966375.576 €284 %187.788 €
33Medizin76.703166.898 €185 %166.898 €
90Umwelt/Entsorgung32.603500.000 €362 %166.667 €
30BĂŒro/IT-GerĂ€te22.834267.346 €275 %133.673 €
79Business/Beratung32.902400.000 €356 %133.333 €
71Ingenieur/Architektur59.150350.000 €355 %116.667 €

Lesart fĂŒr den Bieter: Selbst in der konservativsten Rechnung (kein Skill, nur statistische Quote) liegt der Erwartungswert eines verfolgten Tenders aus einem dĂŒnn besetzten Cluster in jeder gelisteten Branche im sechsstelligen Bereich. Die teuerste Fehlentscheidung ist nicht, zu bieten — sondern den falschen (ĂŒberlaufenen) Tender zu verfolgen und den dĂŒnn besetzten zu ĂŒbersehen.

3b. Wettbewerbsdichte nach Land

Der EU-Durchschnitt verdeckt den wichtigsten Befund: die LĂ€nder unterscheiden sich stĂ€rker voneinander als die Branchen. In Polen geht mehr als jeder zweite Zuschlag ohne echten Wettbewerb weg, in der Schweiz nur jeder achte. Ausgewiesen sind alle LĂ€nder mit n ≄ 1.000 ZuschlĂ€gen. Auftragswerte bleiben hier bewusst weg, weil die Dichte der Wertangaben je Land zu stark schwankt; Bieterzahlen sind davon unberĂŒhrt.

LandnMedian Bieter% 1 Bieter% ≀ 3 Bieter
Deutschland97.627323,6 %55,5 %
Spanien59.191238,9 %69,5 %
RumÀnien53.480237,1 %78 %
Tschechien51.877246,4 %78,4 %
Frankreich38.295320,4 %62,1 %
Polen37.694159,3 %84,7 %
Bulgarien29.166247,3 %78,9 %
Schweden16.612323,6 %60,5 %
Niederlande16.288329,7 %66,2 %
Lettland15.579326,1 %64,6 %
Kroatien13.736244,6 %85,3 %
Italien11.794234,6 %67 %
Schweiz11.743412,6 %48 %
Ungarn10.910238,2 %78 %
Slowakei10.756229,2 %74 %
Slowenien10.040151,4 %85 %
Belgien9.691226,9 %68 %
Portugal8.791250 %72,5 %
Estland8.779230,1 %65,5 %
Finnland7.386321,9 %58,8 %
DĂ€nemark6.319326,8 %69,6 %
Litauen5.576239,3 %78,3 %
Österreich5.524233,4 %66,5 %
Norwegen4.695320,2 %61 %
Griechenland4.526155,5 %81,2 %
Irland4.196325,2 %61,2 %
Zypern1.124246,8 %80,5 %

Lesart: Zwischen Polen (59,3 % Ein-Bieter-ZuschlÀge) und der Schweiz (12,6 %) liegt der Faktor 4,7. Deutschland ist eines der wettbewerbsintensivsten LÀnder der Liste. Wer seine deutsche Erfahrung auf den EU-Markt hochrechnet, unterschÀtzt seine Chancen also systematisch.

Die dĂŒnnsten Zellen: Land × Branche

Die Entscheidung fĂ€llt nicht auf LĂ€nder- und nicht auf Branchenebene, sondern in der Zelle aus beidem. Ausgewiesen sind Zellen mit n ≄ 300, sortiert nach Median-Bieterzahl:

LandCPVBranchenMedian Bieter% ≀ 3 Bieter
Kroatien50Wartung/Reparatur1.038198,5 %
RumÀnien85Gesundheit/Sozial427198,1 %
Slowenien50Wartung/Reparatur672197,6 %
Ungarn24Chemische Erzeugnisse334197,6 %
Kroatien48Software403197,5 %
Portugal85Gesundheit/Sozial491197,4 %
Griechenland48Software304197,4 %
Polen33Medizin12.626197,2 %
Slowenien38Labor/Mess/Optik326197,2 %
RumÀnien50Wartung/Reparatur3.672196,6 %

4. Die Kosten des Nicht-Wissens (extern belegt)

Die Wettbewerbsdichte (Abschnitt 2–3) ist die eine Seite. Die andere: was es kostet, das falsche Verfahren zu verfolgen. Diese Kosten sind unabhĂ€ngig belegt — unabhĂ€ngige Studien sind klar von Vendor-Daten getrennt.

Kosten pro Angebot — unabhĂ€ngig belegt: IfM Bonn (2024, unabhĂ€ngiges Forschungsinstitut; Fallstudie mit drei Elektrotechnik-KMU bei kommunalen Vergaben): 870–3.070 € pro Ausschreibungsteilnahme je nach BetriebsgrĂ¶ĂŸe, ~3.070 € bei den kleinsten Betrieben (≀ 9 BeschĂ€ftigte) — die maßgebliche unabhĂ€ngige Quelle fĂŒr den deutschen Markt (IfM-Materialien Nr. 301). cosinex (2024): „bis zu 3.000 €" Aufwand fĂŒr die Teilnahme an einer Ausschreibung.

Wie viel Arbeit umsonst ist — unabhĂ€ngig belegt: AGC (Associated General Contractors): Bid-to-Win-Quote 20–35 % im Bauwesen → 65–80 % der gesamten Angebotsarbeit erzeugt null Umsatz.

Vendor-Benchmark (als solcher gekennzeichnet): Loopio RFP Benchmark Report: ~33 Stunden Aufwand pro RFP, durchschnittliche Win-Rate 39 % (Vendor-Survey, kein unabhÀngiges Institut).

4.1 O-Ton der Betroffenen (verbatim, mit Quelle)

Der Schmerz ist nicht abstrakt — er steht wörtlich im Netz:

„Da arbeite ich doch lieber fĂŒnf Stunden in der Werkstatt, als ein Angebot abzugeben, von dem ich weiß, dass es eh nicht zum Zuge kommen wird." — Stefan Zirngibl, Schlossermeister. Ebenda: „FĂŒr zweimal elf Meter GelĂ€nder soll ich ein Leistungsverzeichnis von 40 Seiten durchlesen und bearbeiten."

Deutsche Handwerks Zeitung

„FĂŒr 10.000 Euro Umsatz arbeitet ein Handwerker in diesem Fall rund 150 Stunden, davon hatte er 58 Stunden nur BĂŒrokratieaufwand zu leisten." — Joachim Krimmer, PrĂ€sident Handwerkskammer Ulm.

Deutsche Handwerks Zeitung

"I once spent 2 weeks and about $5k meeting all of the requirements for the RFP 
 I was more than a little bothered afterwards." · "Unless you personally influenced the RFP and have a champion who has told you you're the preferred vendor, it is a guaranteed waste of time."

Hacker News: „Your competitor wrote the RFP you're bidding on"

4.2 Die Rechnung des Bieters

Konservativ und nur mit unabhĂ€ngigen Zahlen: Ein erstelltes Angebot kostet in der IfM-Fallstudie je nach BetriebsgrĂ¶ĂŸe 870–3.070 €. 65–80 % dieser Arbeit gewinnt nichts (AGC). Wer auf 4 falsche (ĂŒberlaufene) Verfahren bietet, verbrennt bis zu ~12.000 € Arbeitszeit — ohne einen einzigen Zuschlag.

Genau diese Fehlrunden entstehen, weil der Bieter vor der Angebotsarbeit nicht weiß, wie dĂŒnn das Verfahren besetzt ist (Abschnitt 2: 69 % ≀ 3 Bieter — aber welche?).

5. Schlussfolgerung

Der EU-Vergabemarkt ist ĂŒber den Vollkorpus belegbar dĂŒnn besetzt (69 % ≀ 3 Bieter) und wertvoll (sechsstellige Erwartungswerte pro Cluster). Der Engpass ist nicht der Wettbewerb — es ist die Information darĂŒber, wo die Konkurrenz dĂŒnn ist, bevor die teure Angebotsarbeit investiert wird.

So zitieren Sie diese Studie

AnalystHAUS GmbH (2026): Die TendFeed-Studie 2026: Wettbewerbsdichte im EU-Vergabemarkt — Auswertung von 554.998 EU-ZuschlĂ€gen (TED, Dez 2023 – Jul 2026). https://tendfeed.eu/de/studie

Methodische Hinweise: Median statt Mittelwert (robust gegen Ausreißer). „≀ 3 Bieter" als Schwelle fĂŒr dĂŒnn besetzten Wettbewerb (bei Gleichverteilung entsprĂ€che das rechnerisch ≄ 25 %). Beobachtete Wettbewerbsdichte ist keine Gewinnwahrscheinlichkeit. Datenstand Juli 2026, fortlaufend aktualisiert. Recherche-/Datenwerkzeug, keine Rechtsberatung, keine Garantie auf Zuschlag.

Korrekturhinweis vom 27.07.2026: Diese Fassung korrigiert zwei Fehler der Erstfassung. Erstens nannte die Erstfassung „592.091 Zuschlagsnotices" — das war die Zahl der Branchen-Stichproben (Notice × CPV-Division), nicht der Notices; die Prozentwerte Ă€ndern sich dadurch kaum (69,3 % → 69,4 %). Zweitens stammten die Auftragswerte aus dem Feld fĂŒr den Betrag in LandeswĂ€hrung, wodurch etwa 4.650.000 CZK wie 4.650.000 € gezĂ€hlt wurden; die Euro-Mediane liegen deshalb jetzt deutlich niedriger. Die Aussagen zur Wettbewerbsdichte hĂ€ngen an keiner WĂ€hrung und sind unverĂ€ndert. — Aktualisierung vom 28.07.2026: Der Datenbestand wurde neu aufgebaut (Datenstand jetzt bis 27.07.2026) und lĂ€uft seitdem gegen 554.998 statt 534.877 Zuschlagsnotices. Der Zuwachs kommt fast vollstĂ€ndig aus dem verlĂ€ngerten Zeitraum: FĂŒr den unverĂ€nderten Zeitraum bis 03.07.2026 liefert der neue Bestand 535.028 Notices — 151 mehr als die vorige Fassung (+0,03 %). Der Kernbefund bewegt sich um ein Zehntel Prozentpunkt (69,4 % → 69,5 %; 34,9 % → 35,0 %).

Die TendFeed-Studie 2026: Wettbewerbsdichte im EU-Vergabemarkt